Links zu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

        

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeitschrift
GOTTGEWEIHT

Jahrgang 27, 2014

Heft 4

GG 2014 4Aus dem Inhalt:
(Kurt Krenn †) Der Priester als Priester
Hans Hermann Kard. Groër, Euer Herz soll ein
            lebendiger Altar sein
Bernhard E Hauser OSB, Ein neuer guter Weg
Ildefons M. Fux OSB, Hier bin ich! Hier bin ich!
            Kleines Lebensbild des hl. Leopold Mandic

Inhaltsverzeichnis des 27. Jahrgangs


EIN WORT ZUVOR

 

In den Klosterchroniken unserer Tage sind Einträge über Jubiläen wesentlich häufiger zu finden als solche über Einkleidung und Professablegung. Vielfach haben sich in den Schwesterngemeinschaften die Oberinnen in „Verantwortliche“ verwandelt, das Mütterliche im Hirten- und Leitungsamt ist zurückgetreten, und so ist gar einen Äbtissin zur Rarität geworden und nur in „alten“ Orden noch zu finden. Die alten Orden aber sind wie die Eichen, - sie haben noch die besten Chancen zu überleben.

Unsere Titelseite erinnert an die Äbtissinnenweihe von Mutter Maria Hedwig Pauer OCist. in Marienfeld am 11. Juli 2014, dem Hochfest des hl. Benedikt, vorgenommen vom Generalabt des Ordens, Fr. Mauro-Giuseppe Lepori OCist. aus Rom. Wir wünschen dazu alle Gnadenhilfe für ein gesegnetes Regieren! – Gleichzeitig ist dies auch Anlass zur Danksagung an Mutter Maria Benedicta Deninger OCist., die durch lange Jahre die Geschicke des Kloster gelenkt hat, zunächst als Priorin und seit 2000 als erste Äbtissin. Bitte und Dank wird sich aber in erster Linie immer an Unsere Lieben Frau von Maria Roggendorf richten müssen, ist doch auch Marienfeld eine Frucht der von Hans Hermann Groër ins Leben gerufenen Monatswallfahrt.

Immer wird Maria Gnade finden,

und Gnade ist es , was wir brauchen.

Bernhard von Clairvaux

 

 


 

Ildefons M. Fux OSB

HIER BIN ICH! HIER BIN ICH!

Kleines Lebensbild des hl. Leopold Mandić (1866-1942)

 

Verzeiht! Ich bin Dalmatiner …So sprach bisweilen der hl. Hieronymus, um die Ausbrüche seines Zornes entschuldbarer zu machen. Die Dalmatiner sind heute vorzüglich Kroaten, doch die Neigung zum Zornmütigen hat sich erhalten. Auch der Alt-Wiener Dialekt hat sich das Vokabel „grawutisch“ (=kroatisch) bewahrt und meint damit Äußerungen eines zur Heftigkeit neigenden Temperamentes.

Auch der hl. Leopold Mandić, Kroate aus dem südlichsten Dalmatien, hatte zeitlebens mit solcher Veranlagung zu kämpfen. Die Sanftmut war ihm nicht in die Wiege gelegt, im Gegenteil: Blut ist nicht Wasser, hörte man ihn öfters sagen, und die Milde, die ihn später so unverwechselbar machte, war Gnade, aber auch Frucht beständiger Anstrengung, sein Temperament zu beherrschen. Als er am 12. Mai 1866 in Castelnovo, heute Hercegnovi, das am Eingang zur Bucht von Kotor (Bocche di Cattaro) liegt, geboren wurde, war er das 12. Kind seiner Eltern, die beide auf adelige Abstammung verweisen konnten, nunmehr aber durch die technische Entwicklung – Umstellung der Segelschifffahrt auf Dampfbetrieb – in Armut geraten waren. Das schmächtige, zarte Kindlein erhielt in der Taufe den Namen Bogdan (Deodat), übersetzt: „Gottesgeschenk“. Und das war der Knabe wirklich. Schon als Kind wurde ich der Mutter Gottes geweiht, bekannte er später, und er wuchs auch an der Hand Mariens heran, die ihren schützenden Mantel über ihn ausbreitete. Er betete gern, lernte leicht, ver­brachte die Nachmittage im Kapuzinerkloster seines Heimatortes und duldete kein unanständiges Wort im Kreis seiner Kameraden.

In großer Klarheit erfasste er bald die innere Situation seiner Heimat. In der landschaftlich so schönen „Bocche di Cattaro“ hatte sich im Laufe der Geschichte viel Unschönes zugetragen: Türken kämpften mit Venezianern, Kroaten mit Serben, und auch im religiösen Bereich herrschte keineswegs Friede. Denn Katho­liken, Orthodoxe und Mohammedaner waren einander keineswegs gut gesonnen, und zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die von den Kapuzinern betreuten Katholiken schon eine Minderheit. Im Herzen Bogdans dominierte immer mehr die Sehnsucht, alle dem Hirten aller, dem Papst in Rom, zuzuführen und sein Leben der Einheit der Kirche zu weihen. 1814 aber war durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses Dalmatien österreichisch geworden; die religiöse Verwahrlosung, die Verwilderung der Sitten, das Schisma bestanden jedoch fort. Bogdan betete und fasste den Entschluss: Ich weihe mich der Rettung dieser vielen und un­glücklichen Menschen; ich werde ihr Missionar! So trat er am 16. November 1882 in das Knabenseminar der Kapuziner in Udine (Friaul) ein, 16 Jahre alt. Nach zwei Jahren wurde er in den Orden der Kapuziner als Novize aufgenommen und hieß ab dem 2. Mai 1884 „Frater Leopold“.

Diese Zulassung zum Noviziat war keineswegs eine Selbstverständlichkeit, denn dieser Mandić war ein „Millimeternich“ geblieben, das will sagen: Er maß ganze 135 cm Körpergröße! Zudem blieb es nicht verborgen, dass sich in seinem Gehen eine gewisse Behinderung zeigte, noch mehr aber in seinem Sprechen: Er würde nie predigen können! Tatsächlich hatte er die Gabe der Rede nicht erhalten, allzu leicht geriet seine Sprechgeschwindig­keit ins extrem Schnelle, in eine sich überstürzende Diktion. Dazu kam eine Arthritis, die bereits seine Gelenke zu deformieren begann. So sagte er selber ganz offen: Ich bin eine lächerliche Figur!

Dazu muss man wissen, dass die venezianische Kapuzi-nerprovinz in jener Zeit eindrucksvolle aszetische Gebräuche praktizierte. Die Kutte Fr. Leopolds war aus dermaßen rohem Stoff, dass sie von selber stehen konnte, und im Winter waren nur sehr wenige Räume des Klosters beheizt. Dennoch: Dieser No­vize blieb fröhlich und voll Zuversicht, und seine Oberen erlaubten die Ablegung der einfachen Gelübde 1885 und dann der ewi­gen am 20. Oktober 1888. In Venedig bereitete er sich im Studium der Theologie auf das Pries­tertum vor und empfing am 20 September 1890 die heilige Weihe.

Er blieb noch sieben Jahre in der Lagunenstadt, hörte Beichte und half bei den Hausarbeiten im Kloster. Im September 1897 aber wurde P. Leopold nach Zadar versetzt und war voll Hoffnung, nun mit dem Apostolat an den Ostvöl­kern – er nannte sie stets die „Orientalen“ – beginnen zu können. Doch nein! Schon nach drei Jahren wurde er nach Bassano del Grappa in Venetien versetzt, nach weiteren fünf Jahren nach Capodistria (Koper), bald nach Thiene, um schließlich 1909 nach Padua zu gelangen, wo er bis zu seinem Tode bleiben sollte. Der Provinzial betraute ihn mit der ehrenvollen Aufgabe, Leiter der Ordenskleriker, das heißt Erzieher der Ordensjugend zu sein: Für meine Schüler will ich mich ganz Gott aufopfern. Für alle hatte er eine grenzenlose, mütterliche Sorge und Liebe.

Es kam der Erste Weltkrieg und des öfteren wurde Padua von österreichischen Flugzeugen bombardiert. Als die Front näherrückte, befanden die italienischen Behörden 1917, ihn, der auf seine österreichisch-kroatische Staatsbürgerschaft nicht verzichten wollte, im Süden des Landes zu internieren. Heftige Magenschmerzen vervollständigen ab nun sein Krankheitsbild, während vielen seiner Padovaner Beichtkinder bewusst wurde: Die Gnade des Herrn schätzt man erst so richtig, wenn man sie verloren hat. Erst mit Kriegsende war es ihnen vergönnt, „ihren“ P. Leopold wieder bei sich zu wissen. Im Beichtstuhl besitzt er eine außerge­wöhnliche Anziehungskraft. Sein Herz aber weilte bei den „orientalischen Völkern“. Zudem beherrschte er ja auch mehrere Sprachen, die am Balkan gesprochen wurden. 1923 schien ihn der liebe Gott zu erhören, doch sein Aufenthalt in Rijeka (Fiume) währte lediglich ein ganzes Monat: Volk und Bischof, Arm und Reich, Akademiker und einfache Leute bestanden auf seiner Rückkehr, und der Provinzial rief ihn resignierend zurück: Ich sehe, dass der hl. Antonius Sie hier bei sich haben will.

Du bist nicht schön, du bist nicht gelehrt, du bist nicht von Adel. Warum läuft also alle Welt dir nach? Die Frage, die einst Bruder Masseo an St. Franziskus gerichtet hatte, stellt sich bei der Betrachtung der folgenden Jahrzehnte neu. P. Leopold in seiner Beichtzelle glich einem Belagerten, und niemand verließ dieses Kämmerchen ohne Trost, ohne Hilfe. Nun hatte er erkannt, dass diese Beichtkammer sein „Orient“ war und die Opferstätte für dieses große Anliegen. Ich bin wie ein Vöglein im Käfig, sagte er, und doch wuchs sein Glaube von Tag zu Tag. Und wie oft hörten es dann seine Pönitenten: Haben Sie Glauben! Glauben Sie!

Nach der Zelebration der hl. Messe morgens früh ging er bald in den Beichtstuhl, doch wenn wirklich einmal eine Pause eintrat, begab er sich vor den Tabernakel, denn ohne das Feuer des Tabernakels, so sagte er, erlischt auch die Flamme im Herzen des Priesters. Und als er einmal sah, wie ein Kleriker die Kniebeuge vor dem Allerheiligsten flüchtig „hinschleuderte“, stellte er ihn zu Rede: Mein Sohn, denkst du nicht daran, dass der Herr dort ist?

Oft und oft ermahnte er seine Beichtkinder, an das Paradies zu denken, und sein Wort wirkte wie eine gütige Mutterhand. Der Friede war seine Gabe, und sie alle gingen getröstet zurück in ihren Alltag. Er, der sich selbst als unbrauchbaren Menschen einschätzte, wurde zu einem Wunder an Geduld und Liebe und bald begnügte er sich mit lediglich fünf Stunden Schlaf. Ich tue ein wenig Buße für jene, deren Beichten ich gehört habe. Ich geben ihnen leichte Bußen, also muss ich Genugtuung leisten! Kraft seines hervorragenden Gedächtnisses erinnerte er sich an alle und an alles; die Pönitenten wurden gleichsam ein Teil seiner selbst.

So war er Stunde um Stunde dem Gemurmel menschlichen Elends ausgeliefert, und doch wurde er niemals bitter oder ungeduldig, er wunderte sich über nichts, und wenn er tadelte, tat er es wie eine Mutter und ohne Vorwurf. Seine Milde hatte einen geradezu unwahrscheinlichen Einfluss auf die Seelen; so musste er so gut wie nie die Lossprechung verweigern. Als andere Priester ihm bisweilen vorwarfen, er sei in seiner Güte dem Laxismus verfallen, er nehme die Sünde nicht wirklich ernst, so verwies er auf Christus am Kreuz: Er hat uns das Beispiel gegeben! Er betrachtete jeden als seinen Freund, für den Jesus sein Blut vergossen hatte. Im Urteil über die Seelen müssen wir große Barmherzigkeit walten lassen … Nein, die Pönitenten waren für ihn nicht „Kundschaften“, sondern wirkliche Freunde, und den Frauen begegnete er stets mit Hochachtung: Man muss den Frauen mehr Liebe schenken, weil sie auch mehr Liebe brauchen! Die Anmaßung und Gewalttätigkeit mancher Ehemänner ging ihm deshalb sehr zu Herzen, und wenn sie ihm „unter die Finger“ gerieten, gestand er, ihnen das Fell zu gerben … Da wurde aus dem Lamm eine Löwe, doch blieb er sich immer bewusst, selber zu allem Bösen fähig zu sein. Nähme mich Gott nicht am Zügel, wäre ich schlimmer als die anderen. Er sah sich nie anders als schwach und beklagte seine Unvollkommenheiten in der hl. Beichte, die er täglich (!) abzulegen pflegte.

Nur zu auffallend waren seine prophetischen Worte, denn er sagte mit größter Sicherheit Bekehrungen voraus, die Gesundung in aussichtslosen Fällen, die glückliche Geburt gegen alles Erwarten der Ärzte. Kam die Sprache darauf, versteckte er sich hinter den hl. Johannes Bosco, der einmal gesagt hatte: Mein Sohn, wenn du wüsstest, was die Wunder kosten, würdest du den Herrn bitten, dir diese Gnade nie zu schenken … Die Frucht seines Opferlebens, die er nach wie vor ersehnte, das Heimfinden der slawischen Völker, durfte er freilich nicht erleben.

Der 29. Juli 1942 war ein schwüler, heißer Tag und das Kran­kenzimmer P. Leopolds verwandelte sich nochmals in einen Beichtstuhl; unter anderem hörte er noch die Beichten von etwa fünfzig Priestern. Die letzte Nacht verbrachte er fast ununterbrochen im Gebet. Am nächsten Morgen schleppte er sich in die Sakristei, um die Messgewänder anzulegen, als er, bereits bekleidet mit der Alba, ohnmächtig zusammenbrach. Als er wieder zu sich kam, empfing er das Sakrament der Krankensalbung; man brachte ihn zu Bett und betete das Salve Regina, bei dessen letz­ten Worten: O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria, er verschied. Es war der 30. Juli 1942, um 7.00 Uhr früh.

Ein Heiliger ist gestorben! Ein Heiliger ist gestorben! Die Nachricht verbreitete sich mit Windeseile in ganz Padua. Der Zauber der Güte, der P. Leopold umgab, ließ keinen unberührt, und bereits am 1. August wurde er begraben – wie ein König. Am 14. Mai 1944 zerstörte ein Bombenangriff der Alliierten das Kloster und die Kirche der Kapuziner, nur die Beichtzelle dieses Erwählten blieb unversehrt, und neben ihr ruhen heute die Gebeine des 1976 Selig- und 1983 Heiliggesprochenen.

Der gute Hirt hat sein Leben hingegeben für seine Schafe und wird im Himmel all jenen, die an seine Türe anklopfen, mit jenen Worten antworten, die er so oft auf Erden gebrauchte: Ecco qui! Ecco qui! – Hier bin ich! Hier bin ich!

LITERATUR: Pietro BERNARDI, Leopold Mandić. Kapuziner. Der Heilige der Ver­söhnung und der Einheit, Padova 101984. (Besonders wertvoll durch viele Quellen­zitate aus den Ordensarchiven und aus den Prozessakten.) – Lisl GUTWENGER, Pa­ter Leopold Mandić. Der Heilige zwischen Ost und West. Ein charismatischer Beichtvater, Aschaffenburg 1983. – Ferdinand HOLBÖCK, Neue Heilige der katholischen Kirche, Bd.1, Stein am Rhein 1991, S.198-207. – Marienlexikon Bd.4, St. Ottilien, S.261f.


                                                                                                                                                Seitenanfang