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Zeitschrift
GOTTGEWEIHT

Jahrgang 23, 2010

Heft 4

Heft 4Aus dem Inhalt:
Regina Willi, Das Herz Mariens
           im Lichte des
Alten Testaments
Nikolaus Kram, Über das Göttliche Erbarmen
Gebet einer Mutter in Erwartung ihres Kindes
Anastasio Card. Ballestrero,
           Der Heilige Geist betet in uns
Friedrich Wessely, Gebet des Priesters
           vor dem Kreuz Christi
Für Sie gelesen
Bericht:
Die 10. Herz-Jesu-Wallfahrt n. Hall in Tirol


LOB SEI DEM UNBEFLECKTEN HERZEN

 

Das Herz des Menschen ist die Mitte des Menschen, und das Herz Mariens „verdichtet“ gleichsam ihr ganzes Wesen und lässt es Quellgrund ihres Tuns und ihrer Gesinnung sein. Das, was an Maria sichtbar ist, das, was in ihrem Inneren vor sich geht, ist nun nicht einfach ein zusammenhangloses Vielerlei; es gibt die Grundkraft, die alles formt und prägt, und das ist die Liebe, die, aus dem Unbefleckten Herzen kommend, alles beseelt. Wie Gott ganz Liebe ist, ist auch das vollkommenste Ebenbild Gottes, Maria, - „expressissima imago Dei“ nennt sie die hl. Gertrud – ganz und gar Liebe. Göttliche Liebe und göttliches Erbarmen finden in ihr das schönste und ungetrübteste Echo.

Um dieses Thema kreisen einige Beiträge dieses Heftes. Sie wollen es uns besser erfassen lassen, dass das mütterliche Herz Mariens ein wahrer Schatz ist, für den Söhne und Töchter nicht genug danken können. Das Titelbild erinnert in volkstümlicher Weise an die Schmerzen, die Maria mit ihrem Sohn geteilt hat; die darunter gesetzte Bitte ruft uns den Schluss des Ave Maria ins Gedächtnis:

Mariä Herz, mich dir versenck,

in meinem Todt an mich gedenck!

 

 

 


Nikolaus Kram

ÜBER DAS GÖTTLICHE ERBARMEN

Oder: Worauf wir hoffen dürfen

 

Es war zu erwarten, dass dem bösen Feind dieses neue Leuchten des Priestertums nicht gefallen würde, das er lieber aussterben sehen möchte, damit letztlich Gott aus der Welt hinausgedrängt wird. So ist es geschehen, dass gerade in diesem Jahr der Freude über das Sakrament des Priestertums die Sünden von Priestern bekannt wurden – vor allem der Miss­brauch der Kleinen, indem das Priestertum als Auftrag der Sorge Gottes um den Menschen in sein Gegenteil verkehrt wird 1.

Die Worte des Heiligen Vaters zeigen etwas von jenem Schmerz, den so viele Katholiken angesichts eines anderen Missbrauchs verspüren: der Anklage und der Erniedrigung der Kirche durch feindlich gesinnte Medien. Inmitten dieser Not mag sich so mancher im Gebet des Psalmisten wiederfinden: Gerät alles ins Wanken, was kann da der Gerechte noch tun? (Ps 11,3). Wenn wir nicht mehr ein noch aus wissen, dann suchen wir nach einem Halt, nach einem Rettungsanker, auf den wir uns verlassen können. Von diesem spricht uns die Schrift: Wir haben ja nicht einen Hohen Priester, der nicht mitfühlen könnte mit unserer Schwäche, sondern einen, der in allem wie wir in Versuchung geführt worden ist, aber nicht gesündigt hat. Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit (Hebr 4,15f.).

Dieser Thron der Gnade, dieses uns zugesagte Erbarmen ist unsere Zuversicht und unsere Rettung. Bei diesem Hintreten sind wir nicht allein; wir sind umgeben von einer Wolke von Zeugen (vgl. Hebr 11), getragen von der Fürbitte der Engel und Heiligen und vom Gebet der Verstorbenen. Im Licht der Botschaft von Fatima dürfen wir hierbei besonders auf die Hilfe und Fürsprache des Unbefleckten Herzens Mariens zählen.

Maria ist durchdrungen von der Verehrung des göttlichen Erbarmens. In ihrem Magnifikat hält sie ihren Blick darauf ge­richtet: Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die Ihn fürchten … Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen (Lk 1,50.54).In Fatima bat die Gottes­mutter, zu Ende jedes Rosenkranzgesetzchens das uns bekannte Gebet zu sprechen: O mein Jesus, verzeih uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen. Maria bittet uns also, an die Barmherzigkeit ihres göttlichen Sohnes zu appellieren. So lehrt sie uns das Vertrauen, dass wir auch dort noch auf Hilfe hoffen dürfen, wo es, menschlich betrachtet, keine Hoffnung mehr gibt.

Das göttliche Erbarmen ist also der Rettungsanker, den un­sere Zeit so dringend nötig hat. Papst Johannes Paul II. sagt uns diesbezüglich: Je mehr das menschliche Bewusstsein der Säkularisierung erliegt, … je mehr es sich von Gott entfernt und somit auch vom Geheimnis des Erbarmens, desto mehr hat die Kirche das Recht und die Pflicht, ‚mit lautem Schreien‘ den Gott des Erbarmens anzurufen. Dieses ‚laute Schreien‘ muss gerade die Kirche unserer Zeit kennzeichnen; sie muss Gott anrufen um sein Erbarmen. Und dieses Erbarmen, das in Kreuz und Auferstehung Christi sichtbar wird, ist eine Liebe, die stärker ist als der Tod, stärker als die Sünde und jedes Übel, … (eine) Liebe, die den Menschen auch aus dem tiefsten Fall erhebt, auch von den schlimmsten Drohungen befreit. Der zeitgenössische Mensch fühlt diese Drohungen. Wie die Propheten bestürmen wir diese Liebe, die mütterliche Züge trägt und wie eine Mutter jedem ihrer Kinder, jedem verirrten Schäflein nachgeht, selbst wenn es Millionen solcher Verirrungen gäbe, selbst wenn das Unrecht in der Welt überhand nehme gegenüber dem Recht, selbst wenn die Menschheit von heute für ihre Sünden eine neue ‚Sintflut‘ verdiente2.

So werden wir angespornt, unsere Zuflucht zu jenem göttli­chen Erbarmen zu nehmen, das unablässig aus dem geöffneten Herzen des Herrn strömt. Das Herz Jesu … wird geöffnet und es wird zur Quelle: Blut und Wasser, die herausströmen, verweisen auf die beiden Grundsakramente, von denen die Kirche lebt: Taufe und Eucharistie. Aus der geöffneten Seite des Herrn, aus seinem geöffneten Herzen entspringt der lebendige Quell, der die Jahrhunderte hindurch strömt und die Kirche schafft. Das offene Herz ist Quell eines neuen Lebensstromes 3.

Was der Appell an das göttliche Erbarmen letztlich bedeutet, wird deutlich, wenn wir die dafür verwendeten hebräischen Wör­ter näher betrachten. So kennt das Alte Testament den Begriff ḥesed (= Gnade, Huld). Gott ist treu zur untreuen „Tochter seines Volkes“ (vgl. Klgl 4,3.6), weil er zu sich selbst und seinen Verheißungen absolut treu ist: Nicht euretwegen handle ich, Haus Israel, sondern um meines heiligen Namens willen (Ez 36,22). So darf Israel, auch wenn es durch den Bundesbruch schuldig geworden ist und keinen rechtlichen Anspruch auf Gottes Huld (ḥesed) hat, doch weiterhin auf Gnade hoffen, da der Gott des Bundes wahrhaft seiner Liebe verantwortlich ist 4. Gottes Liebe ist stärker als Verrat und Sünde.

Das andere Wort für Erbarmen im AT ist raḥamīm. Es be­deutet von seiner Wortwurzel her Mutterliebe (reḥem – Mutter­schoß). Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind ist völlig ungeschuldet und nicht der Lohn für Leistung oder Verdienst; insofern stellt sie eine innere Notwendigkeit dar, einen ‚Zwang‘ des Herzens 5. Raḥamīm bringt also mütterliche Güte und Zärtlichkeit, Geduld, Verständnis und Bereitschaft zur Verzeihung zum Ausdruck. So ist Gott derjenige, der aus Gefahren rettet, besonders vor den Feinden. In seiner mütterlichen Liebe nimmt Er sich unser an: Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren eigenen Sohn? Und selbst, wenn sie ihr Kind vergessen würde: ich vergesse dich nicht (Jes 49,15).

Das Neue Testament zeigt uns Jesus Christus, den Sohn Got­tes, von Erbarmen bewegt und von Mitleid ergriffen. Bei der Begegnung des Herrn mit der Witwe von Naïn, deren einziger Sohn gerade zu Grabe getragen wurde, heißt es: Als der Herr die Frau sah, hatte er Mitleid mit ihr (Lk 7,13). Das griechische Wort dafür leitet sich her von ta splanchna, „Eingeweide“, was im übertragenen Sinn so viel wie „Herz“ bedeutet. Jesus „dreht es gewissermaßen die Eingeweide um“. Sein Erlöserherz, das mütterliche Züge trägt, wird zuinnerst getroffen; es ist wie ein innerer Zwang, der ihn nun treibt zu helfen und das heißt den ver­storbenen Sohn wieder zum Leben zu erwecken.

Ähnliches geschieht in der Begegnung mit dem Aussätzigen (Mk 1,40-45) oder mit den beiden Blinden (Mt 20,29-34).

Wir dürfen sicher sein: Wenn wir Jesus um sein Erbarmen anflehen, wird es ihm geradezu unmöglich, sein Herz zu verschließen. Er wird uns heilend, rettend und erlösend zu Hilfe kommen. „Erbarme dich!“ sagen, heißt also Gott bei seinem wahren Namen anrufen. Es heißt, ihn an seiner ‚weichsten Stelle‘ treffen. ‚Mein Herz dreht sich um in mir, mein Mitleid lodert auf‘ (Hos 11,8) 6.

In jeder hl. Messe beten wir zu Beginn das „Kyrie eleison“. In der Göttlichen Liturgie des byzantinischen Ritus wird, wenn wir die Vorbereitungsgebete des Priesters hinzunehmen, das Erbarmen Gottes über 65 Mal angerufen7. Im „Jesusgebet“ rufen wir wieder und wieder um Erbarmen: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich unser! Was wird dadurch bewirkt? Der Heilige Name dringt, wenn er still wiederholt wird, in unsere Seele ein wie ein Tropfen Öl, der sich auf einem Kleidungsstück ausbreitet und es imprägniert. (…) ‚Eleison‘ hat dieselbe Wurzel wie ‚elaion‘, das Öl und Olivenöl bedeutet. Im Mittleren Osten bringt das Olivenöl Heilung bei vielen Krankheiten. (…) ‚Hab Erbarmen‘ bedeutet, habe ‚heilendes Öl‘ für meine Seele 8.

Wie sehr die Botschaft von Fatima und die Verehrung und Anrufung des göttlichen Erbarmens zusammengehören, wird in jenem Gebet aus tiefer Not deutlich, das Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1982 in Fatima formulierte: Noch einmal zeige sich in der Geschichte der Welt die unendliche Macht der erbarmenden Liebe. Dass sie dem Bösen Einhalt gebiete! Dass sie die Gewissen wandle! In Deinem unbefleckten Herzen offenbare sich allen das Licht der Hoffnung! 9

Angesichts der so großen Not in Kirche und Welt verweilen wir mit Maria vor dem Allerheiligsten und beten voll Vertrauen: Herr, hab mit uns Erbarmen, denn wir hoffen auf Dich! (Jes 33,2).

 

1 Pp. BENEDIKT XVI., Predigt am Herz-Jesu-Fest 2010. Die Tagespost, 12. Juni 2010, S.5. - 2 JOHANNES PAUL II., Enz. Dives in misericordia, 30. Nov.1980, Nr.15 (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 26). - 3 BENEDIKT XVI., Predigt am Herz-Jesu-Fest 2010. - 4 Dives in misericordia Nr.4. - 5 Ebd. - 6 A. u. R. GOETTMANN, In deinem Namen ist mein Leben, Freiburg 1993, S.185. - 7 Schimonachenia Seraphina, Jesusgebet und Heiligkeit, Kisslegg 2007, S.41. - 8 M.-J. HUTT, Heilung durch das Jesusgebet, Kisslegg 2005, S.144. - 9 JOHANNES PAUL II., Unter deinen Schutz, Freiburg 1983, S.42.

 


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