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Paul Nagai

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zeitschrift
GOTTGEWEIHT

Jahrgang 29, 2016

Heft 1

GG 2016 1

Aus dem Inhalt:
Papst Franziskus, Mahnworte an die Gottgeweihten
Sein Wort ist Licht und Wahrheit. Friedrich Wessely
Jean Crasset, Gesang der Liebe
Ildefons M. Fux, Der Engel von Nagasaki
Ildefons M. Fux, Die 15. Herz-Jesu-Wallfahrt
Über das betrachtende Gebet

Für Sie gelesen und Nachrichten



 

EIN WORT ZUVOR

 

Was gibt es christozentrischeres als die Herz-Jesu-Verehrung? Das Herz ist die Mitte der Christuswirk­lichkeit, und diese Mitte ist Quelle und Ziel aller Bewegung. Weh dem, der meint, er könne diese Mitte unbeach­tet lassen, weil sie ihm nicht „liege“, um sein Interesse anderem zuzuwenden! Müsste man ihn nicht realitätsfern nennen? „Durch Ihn und auf Ihn hin ist alles geschaffen“, sagt der Völ­kerapostel (vgl. Kol 1,16). Die Verehrung des Herzens Jesu darf daher den Vorrang vor allen anderen Andachtsformen für sich beanspruchen.

Was gibt es marianischeres als die Herz-Jesu-Verehrung? Maria ist zur Gänze auf ihren Sohn hingeordnet, dessen Wirk­lichkeit sie zu bejahen stets bestrebt ist und in die hinein sie sich verliert. Sie gibt diesem Herzen alles ohne Vorbehalt, was die­sem gottmenschlichen Herzen zusteht.

Der neue Jahrgang von „Gottgeweiht“, der 29. in der Reihe, wird also wieder mit einem „Herz-Jesu-Heft“ eröffnet, all jenen zu Hilfe, die Jesus verherrlichen möchten, wie Maria es getan hat, und die Maria lieben wollen nach dem Maß der Liebe Christi zu seiner Mutter.

Das Titelbild stammt von Georges Rouault (1871-1958), ei­nem Expressionisten und einem der wenigen modernen Künst­ler, die sich auch dem Herz-Jesu-Thema geöffnet haben.

Mein Herz ist bereit, o Gott, mein Herz ist bereit!

(Ps57,8)

 

 



Ildefons M. Fux OSB

DER ENGEL VON NAGASAKI

Paul Takashi Nagai. Arzt, Konvertit, Zeuge

 

Die japanische Stadt Nagasaki ist zweimal in die Geschichte und insbesondere in die Kirchengeschichte eingangen.

Zu Ende des 16. Jahrhunderts gab es in Japan an die 700.000 Christen; die Erfolge vor allem der Jesuitenmission berechtigten zu den schönsten Hoffnungen. Doch schon hatte eine Gegenbewegung einge­setzt, und am 2. Jänner 1597 wurden 15 japanische Laienchristen, 6 Franziskaner und 3 Jesuiten in der Nähe von Nagasaki gekreuzigt. Unter den Letzteren ragte Paul Miki SJ hervor, Lehrer an der Katechetenschule in Nagasaki und hinreißender Prediger. Meh­rere Verfolgungswellen dezimierten die Zahl der Christen drastisch, vermochten die Kirche aber nicht auszulöschen: Sie über­lebte im Untergrund.

Im 20. Jahrhundert aber hat sich Nagasaki wohl unaus­löschlich dem Gedächtnis der Welt eingeprägt, denn am 9. Au­gust 1945, um 11.02 Uhr, explodierte über der Stadt die zweite Atombombe der Kriegsgeschichte. 72.000 Tote und 100.000 Verletzte wurden vermeldet, und unter den Überlebenden befand sich auch der Arzt Dr. Takashi Nagai.

Der später mit dem Titel „Engel von Nagasaki“ Ausgezeichnete wurde 1908 in Isumo bei Hieroshima geboren. 1928 begann er das Studium der Medizin in Nagasaki und war seiner Weltanschauung nach durch und durch Materialist: Die Seele sei ein von Schwindlern erfundenes Gespenst, um die einfachen Leute zu täuschen. Als er aber 1930 am Sterbebett seiner Mutter saß, las er in ihrem Blick ein letztes „Auf Wiedersehen“. Gab es also doch etwas nach dem Tod? Er bekannte später: Durch die­sen letzten durchdringenden Blick zerschmetterte meine Mutter den ideologischen Rahmen, den ich errichtet hatte. Und dieser Blick der Mutter ließ ihn erfassen, dass der menschliche Geist nach dem Tode weiterlebt.

Bald darauf begann er in den „Pensées“ des Blaise Pascal (1623-1663) zu lesen, und wusste den Verfasser als gelehrten Physiker zu schätzen. Pascal hatte – anscheinend für Nagai per­sönlich – geschrieben, man könne Gott durch den Glauben und durch das Gebet begegnen. Das wollte der Medizinstudent „verifizieren“ und mietete sich bei einer katholischen Familie in Urakami, der katholischen Vorstadt von Nagasaki, ein. 1932 erlebte er mit Midori Moriyama, der Tochter des Hauses, die Mitternachtsmette und das lateinische Credo, aus Tausenden Kehlen gesungen. Wenig später trug er dann die junge Lehrerin Midori, die bald seine Frau werden sollte, in einem „Schnell-Lauf“ in das Spital, denn ein Blinddarm-Durchbruch gebot höchste Eile. Und wieder las er in den „Pensées“: Der Glaube bringt genug Licht für diejenigen, die glauben wollen; und genug Schatten, um diejenigen mit Blindheit zu schlagen, die es nicht wollen. Im Juni 1934 wird er getauft und wählt den Namen Paul in Verehrung des hl. Paul Miki, dem Märtyrer aus dem Jahr 1597. Zwei Monate später heiratete er Midori Moriyama.

Damals lebte er bereits als ein Gezeichneter. Als junger Arzt hatte er sich der Radiologie zugewandt, und der ständige Um­gang mit Röntgenstrahlen, vor denen man sich damals nur sehr unzureichend zu schützen vermochte, kündigte bereits die chro­nische Leukämie an. Als er dies, bereits zum Universitätsprofes­sor avanciert, seiner Gattin eröffnete, kniete diese vor jenem Kruzifix nieder, das die Familie wie die kostbarste Reliquie hütete: Es stammte aus der Verfolgungszeit früherer Jahrhun­derte. Der Glaube dieses Arztes leuchtet bis in unsere Tage:

Die Pflicht des Arztes besteht darin mit seinen Patienten zu leiden, sich mit ihnen zu freuen und ihre Leiden zu lindern zu trachten, als wären es seine eigenen. Man muss Mitgefühl für ihre Schmerzen haben. Letzten Endes wird nämlich der Kranke nicht durch den Arzt geheilt, sondern nur, weil es Gott so gefällt. Sobald man das begriffen hat, führt die medizinische Diagnose zum Gebet.

So kam der 9. August 1945. Nagai war im Labor des Kran­kenhauses mit seinen Röntgenaufnahmen beschäftigt, als in der Entfernung von nur 700 Metern die Plutonium-Bombe detonierte. Er wird zu Boden geschleudert, Glassplitter durchsieben seinen Körper, alle Gegenstände wirbeln durch die Luft, überall versengte Gestalten. Das Krankenhaus wird eiligst evakuiert. Erst am 11. August ist es ihm möglich, zu seinem Haus zurückzukehren: Nur mehr ein kleiner Haufen Asche war zurückgeblieben. Hinter der Küche, der schwarzgekochte Klumpen dort, das sind die vom Feuer verzehrten Reste eines menschlichen Beckens und einiger Lendenwirbel. Und daneben liegt, an einem Kreuzlein haftend, noch etwas – ein Rosenkranz. Es sind die Überreste seiner Frau … Nur weniges ist ihm geblieben: Das uralte Kruzifix, dieser Rosenkranz und seine beiden Kinder, Makoto und Kayano. Den entmutigten Christen aber predigt er die Vergebung.

Zu seinem Grundleiden, der Leukämie, gesellt sich nun die „Atomkrankheit“ – er fällt in ein Halbkoma. Da bringt man ihm Wasser aus der nahegelegenen Lourdesgrotte, die der hl. Maximilian Kolbe hatte erbauen lassen, und die akute Gefahr ist vorüber. 1947 aber muss er seine Professur an der Uni­versität für immer zurücklegen.

Mehr denn je widmete er sich schriftstellerischen Arbeiten – bereits 1946 war je­nes Buch erschienen, das sein berühmtestes werden sollte: „Die Glocken von Nagasaki“ – und Tag für Tag stand er ungezählten Besuchern zur Verfügung, denen er von der katholischen Hoffnung er­zählte. Das ermüdete ihn, aber er könne sie doch nicht ohne die Gabe der Freude fortschicken …

Im Glauben an die göttliche Vorsehung ging er seinem Ende entgegen. Auch die Atombombe ist Teil der Vorsehung Gottes, sagte er. Gott lässt aus Bösem stets Gutes hervorgehen. Ich sterbe zufrieden. Im Spital, nun selber und endgültig Patient geworden, übergab man ihm das große Familienkruzifix: Jesus, Maria und Josef, ich lege meine Seele in eure Hände! Das war am 1. Mai 1951, zu Beginn des Marienmonats.

Paul Takashi Nagai wurde neben seiner Frau Midori beerdigt. Auf ihren Grabstein hatte er die Worte schreiben lassen: Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort! Und für seinen eigenen hatte er die Worte bestimmt: Armselige Knechte sind wir. Wir haben nur unsere Schuldigkeit getan (Lk 17,10).

 

 


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